Magdeburger Stadtzeuge(n) Teil 22

„Die Firma Lichtenberg Magdeburg-Neustadt“
Erste Bonbonmaschinenfabrik Deutschlands
Von Kurt und Alexander Lichtenberg

Nach Napoleons Kontinentalsperre, die Deutschland vom Welthandel abschnitt, suchte man nach einer neuen Methode auch ohne Zuckerrohr Zucker herstellen zu können. In Quedlinburg gelang es, den Zuckergehalt der Zuckerrübe von 5 auf 20 Prozent zu steigern. Der Boden der Magdeburger Börde eignete sich hervorragend für den Anbau dieser Zuckerrüben, so dass sich im Raum zwischen Magdeburg und Halle eine große Zahl an Zuckerfabriken etablierten. Natürlich fanden sich auch bald erste Betriebe, die den Zucker zu süßen Naschwaren verarbeiteten. Magdeburg wurde mit der weltweit agierenden Zuckerbörse zum Zentrum dieses neuen Zuckerhandels. Ein Graveur namens Heinrich Lichtenberg aus der Magdeburger Neustadt setzte nun sein Talent dazu ein, Formen für die Herstellung von kleinen, mundgerechten Süßigkeiten anzubieten. Anfangs wichtiger Partner und Abnehmer war dabei die Schokoladenfabrik Hauswaldt. Durch diese mit Aufträgen versorgt, wurde aus der Gravurwerkstatt alsbald ein kleiner Maschinenbetrieb, denn Heinrich Lichtenberg schaute nun, was man alles für die bessere Verarbeitung von Zucker und die Herstellung von Zuckerzeug und Naschereien benötigte. 1866 gründete er des guten Absatzes wegen seine Bonbonmaschinenfabrik. Zucker zu ver- und bearbeiten bildete den Grundstock seiner Maschinen. Im Gespräch mit Kunden und durch eine große Experimentierfreude schuf er Verfahren, z. B. mit der Anwendung des Vakuums beim Erhitzen des Zuckers oder die Umstellung von manueller Einzelherstellung auf die Fließbandproduktion, die die Fertigung von Süßigkeiten qualitativ und quantitativ immens verbesserten. Schon bald war die Firma auf allen Weltausstellungen und mit Niederlassungen und Verkaufsagenturen in den wichtigsten Ländern der westlichen Welt vertreten. Knapp hundert Jahre rangierte die Firma als Vorreiter und Weltmarktführer auf Platz 1 der Herstellung von Süßwarenmaschinen, dabei stets auf neue Trends reagierend oder diese selbst schaffend. Trotz Weltkriegen und schweren Zeiten gelang es der Firma zu überleben und sich in der DDR zu behaupten. Erst mit der weiteren Überführung von Privatbetrieben in Volkseigentum wurde das Unternehmen seiner Spitzenposition verlustig, ja mehr noch, musste sie ihre gesamte Kompetenz aufgeben, um nun als VEB Baumaschinen weiter zu bestehen. Innerhalb der RGW-Länder war die Verantwortung der Süßwarenmaschinenproduktion an andere Betriebe übertragen worden. Alexander Lichtenberg trug das überaus interessante Material für den neuen Magdeburger Stadtzeugen zusammen, die Aufzeichnungen, auf die er dabei hauptsächlich baut, sind die seines Großvaters Kurt Lichtenberg.


(ISBN 978-3-935 831-63-5 – Preis 7,00 Euro)